Was Berichte über „Gräueltaten“ verraten können

17. Januar 2026von 8,5 Minuten Lesezeit

Es ist nicht die Erfindung von „Hitler“, Gruppen und Menschen zu dämonisieren, um eine Berechtigung zu konstruieren, sie vernichten zu können. Diese Idee ist viel älter, so alt wie die Menschheit. Und wenn eine Dämonisierungskampagne läuft, kann man heute oft daraus schließen, gegen wen der nächste Krieg gehen soll. Schauen wir in die Geschichte.

Es steckt nicht in der Natur der Menschen, andere zu töten, sie zu foltern oder ihnen alle möglichen Gräueltaten anzutun. Denn eigentlich sind Menschen „Herdentiere“ die sich zusammenscharen und gegenseitig beschützen. Damit nun aber Teile der Herde einen anderen Teil angreift, und all das antut, was gegen die Natur des Menschseins verstößt, bedarf es systematischer Umprogrammierung, die leider äußerst effektiv ist.

Schon in den heiligen Büchern der großen Religionen wird mit Dämonisierung gearbeitet, um Gegner der eigenen Gruppe zu schützen, und zur Vernichtung einer anderen Gruppe zu motivieren.

Beginnen wir mit der Bibel

In Psalmen werden Feinde oft als Tiere oder Ungeheuer dargestellt, z. B. in Psalm 58:4-5: „Die Gottlosen sind entfremdet von Mutterleib an; sie irren von Geburt an, die Lügen reden. Ihr Gift ist wie Schlangengift; sie sind wie eine taube Otter, die ihr Ohr verschließt.“ Das entmenschlicht sie, reduziert Gegner auf tierische, giftige Wesen. In Psalm 109:6-15 werden Feinde als Lügner und Verderber verflucht: „Setze einen Gottlosen über ihn, und ein Ankläger stehe zu seiner Rechten! Wenn er gerichtet wird, so komme er als Schuldiger heraus, und sein Gebet werde zur Sünde!“ Solche Verleumdungen dienen der Rechtfertigung von Rache. In 1. Samuel 15:3 befiehlt Gott: „So ziehe nun hin und schlage Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was er hat; verschone ihn nicht, sondern töte Mann und Frau, Kind und Säugling, Rind und Schaf, Kamel und Esel.“ Dies rechtfertigt totale Vernichtung als göttliches Gebot. Wer mehr sucht kann das in der Bibel-Übersetzung des Vatikan finden. Mit dem neuen Testament versuchte man diese archaischen Regeln zu neutralisieren.

Die Thora, Teil des Alten Testaments

Das Judentum, das die gleichen Wurzeln hat wie das Christentum, hat ähnliche Aufforderungen. Die Thora (die fünf Bücher Mose) beschreibt Kriege und göttliche Befehle gegen Feinde, oft im Kontext der Landnahme Israels. Darin werden Gegner entmenschlicht. In Deuteronomium 7:2 werden Kanaaniter als zu vernichtende Völker dargestellt, ohne menschliche Würde: „Und wenn der HERR, dein Gott, sie vor dir dahingibt, so sollst du sie schlagen; du sollst an ihnen den Bann vollstrecken.“ Menschen werden zu Hindernissen, die beseitigt werden müssen. In Numeri 25:1-3 werden Moabiter als Verführer zu Götzendienst beschuldigt: „Und Israel blieb in Schittim; und das Volk fing an, Hurerei zu treiben mit den Töchtern der Moabiter.“ Dies dient der Diffamierung als moralisch verdorben. In Deuteronomium 20:16-18 wird jede Art von Grausamkeit gegenüber Gegnern gerechtfertigt. „Aber in den Städten dieser Völker, die der HERR, dein Gott, dir als Erbe gibt, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat.“ Dies rechtfertigt Völkermord zur Vermeidung von Einflüssen auf die eigene Herrschaft. Mehr findet man sicher in der Thora-Übersetzung. Natürlich hat sich die Religionslehre weiterentwickelt und die Wurzeln der archaischen Überlebenskämpfe überwunden. Aber der extremistische Zionismus benutzt es heute wir vor 3000 Jahren, um seine Feinde zu dämonisieren und zu vernichten.

Der Koran ist auch nicht anders

Der Koran enthält Verse über Kämpfe, die oft defensiv interpretiert werden, aber in historischen Kontexten gegen Ungläubige gerichtet sind. In Sure 8:55 werden Gegner entmenschlicht: „Die schlimmsten Tiere bei Allah sind die Ungläubigen, die nicht glauben.“ Gegnern schlimmste Dinge nachgesagt wird in Sure 9:73: „O Prophet! Streite gegen die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart gegen sie. Ihr Zufluchtsort ist die Hölle, und schlimm ist die Bestimmung.“ Sie werden als Heuchler und Höllenbewohner diffamiert. Um jede Art von Grausamkeit zu rechtfertigen, kann man Sure 9:5 heranziehen: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt.“ Dies wird als Befehl zum Kampf interpretiert, wenn Feindschaft besteht. Interessenten finden in der deutschen Koranübersetzung bestimmt weitere Beispiele. Auch hier zeigt die Religionslehre in der Breite, dass längst die modernen Regeln des Zusammenlebens zu respektieren sind, aber wie im Judaismus der Zionismus, gibt es natürlich unter Muslimen Vertreter des gewalttätigen Islamismus, der archaische Texte zur Rechtfertigung der eigenen Taten heranzieht.

Selbst der Buddhismus erlaubt diese Technik

In manchen Mahayana-Texten wie dem Lotus-Sutra werden Kritiker als „Ignorante“ oder „Tiere“ (im übertragenen Sinn) dargestellt, z. B. als „blinde Würmer“ in Metaphern für Unwissenheit, aber nicht explizit entmenschlicht. Im Dhammapada (Vers 197-200) werden Hassende als „Leidende“ beschrieben, ohne extreme Verleumdung. Gegner werden oft als „Unwissende“ diffamiert, z. B. in Jatakas als „Grausame„. Buddhismus lehnt Gewalt ab, aber in einigen tibetischen Texten (z. B. Kalachakra-Tantra) wird defensive Gewalt gegen „Barbaren“ erwähnt, ohne Grausamkeit zu rechtfertigen. Im Allgemeinen verbietet der Buddha Töten (Dhammapada 129: „Alle fürchten Gewalt„). Aber der Buddhismus ist gelebter Pragmatismus.

Der Mönch Kittivudho Bhikkhu war ein einflussreicher buddhistischer Prediger, der in einer Zeit des Kalten Krieges und anti-kommunistischer Kampagnen aktiv war. Er verglich das Töten von Kommunisten mit dem Töten von Fischen und argumentierte, dass es zwar negatives Karma (Demerit) erzeuge, aber durch die Übergabe an einen Mönch größeres positives Karma (Merit) entstehen könne. Dies diente als Rechtfertigung für Gewalt gegen Kommunisten, die als Bedrohung für den Buddhismus und das Regime gesehen wurden.

Im vor-modernen Tibet (vor der chinesischen Invasion 1950/1959) waren körperliche Strafen Teil des Rechtssystems, trotz der buddhistischen Prinzipien von Mitgefühl und Gewaltfreiheit. Historische Quellen beschreiben Strafen wie Auspeitschen, Amputationen (z. B. von Händen oder Augen) oder andere Formen der Verstümmelung für Verbrechen wie Diebstahl oder Rebellion. Diese Praktiken stammten aus dem frühen tibetischen Recht (z. B. unter Songtsen Gampo im 7. Jahrhundert) und wurden in einer Mischung aus buddhistischen und vor-buddhistischen (Bon) Traditionen angewendet. In der Praxis wurden schlimmste Dämonisierungen und darauf folgend Strafen toleriert oder sogar von buddhistischen Herrschern verhängt, um die Gesellschaft zu „zähmen“ und zu versklaven.

Warum die ganzen Erklärungen?

Es zeigt, dass die jeweils Herrschenden Dämonisierung einsetzten, um ihre Ziele zu erreichen. Genau so wie heute moderne Propaganda das tut, und alle Herrscher der Geschichte es getan haben. Suchen Sie selbst Beispiele für schlimmste Kriege, Völkermorde oder Verfolgungen, und Sie werden immer im Vorfeld mit genügend Ausdauer eine Phase der propagandistischen Überhöhung von „Untaten“ der später verfolgten Menschen finden. Oft basieren sie auf einzelnen Fakten, aber fast immer werden sie skrupellos überhöht. Dann bedarf es nur noch eines, oft provozierten Anlasses, um die aufgeladene Dämonisierung auf die Gruppe loszulassen.

Was derzeit passiert

Im Moment beobachten wir das seit einigen Jahren intensiv gegen eine Religionsgruppe, nämlich Muslime. Pauschal werden alle Muslime für die Taten einiger Extremisten verantwortlich gemacht. Und das, obwohl Muslime selbst die größte Opferzahl aufweist. Basierend auf Berichten wie dem Global Terrorism Index (GTI), dem Global Extremism Monitor (GEM) und Studien zur islamistischen Gewalt ergibt sich ein klares Bild: Die überwiegende Mehrheit der Opfer (80–90 %) sind Muslime selbst. Christen sind die am häufigsten betroffene nicht-muslimische Gruppe, gefolgt von anderen Minderheiten wie Juden, Hindus, Sikhs oder ethnischen Gruppen.

Der Trick dabei ist für den normalen Mediennutzer schwer zu erkennen. Da wird zum Beispiel Syrien mit der Hilfe von Extremisten in einem blutigen und langen Krieg Syrien zerstört, fliehende radikalisierte Kämpfer werden im Westen verherrlicht und erhalten Flüchtlingsstatus. Wenn diese dann enthemmt zu Taten schreiten, werden sie als „Muslime“ gebrandmarkt. Und nicht als bewusst unterstützte Extremisten, die man im eigenen Land zur Rechtfertigung einer feindlichen Politik gegen ein anderes Land benutzte. Aber das war nur der erste Schritt. Denn so schnell wie man dämonisiert, kann man entdämonisieren, und einen ehemaligen Kopfabschneider zum geachteten „Übergangspräsidenten“ eines Landes machen.

Nun braucht man aber noch die Dämonisierung, und weil man sie ja noch im Köcher hat, werden die Pfeile nun gegen den Iran gerichtet. Die meisten Menschen, welche „Messerschwinger“ in Deutschland nun gerade mit „Iranern“ in einen Topf werfen, weil, das sind ja Muslime, ahnen, dass die beiden Gruppen die größten Feinde sind. Iranische Schiiten waren die Gruppe, welche Bagdad davor rettete, durch die Pick-Up-Trucks mit Maschinengewehren von ISIS überrannt zu werden. Und dies, während die USA ein Hilfeersuchen des Irak ablehnte und abwartete, ob ISIS der Sturm auf Bagdad wohl gelingen würde. Auch in Syrien und in Libyen waren die Muslime des Iran und des Libanons entscheidend bei der Verteidigung gegen anstürmende Terrorgruppen. Und zwar in einer Art, welche durch libanesische und syrische Christen ausdrücklich als „ungeachtet der Konfession“ gelobt wurde. Aber wen interessiert das, wenn man nun eben den Iran dämonisieren muss? Es sind doch Muslime, oder?

Geschichtskenntnis wichtiger denn je

An diesem Beispiel sieht man, wie wichtig Kenntnisse der Geschichte sind, insbesondere der Teile, die nicht in den offiziellen Narrativen jeden Tag über den Bildschirm flimmern. Der ahnungslose, aufgestachelte und immer noch an die Gräueltaten der Hamas im Oktober 2023 glaubende Mediennutzer, wurde konditioniert, um einen Völkermord in Gaza zu akzeptieren, und wird derzeit normalisiert, damit er auch eine Bombardierung und vernichtenden Krieg gegen den Iran akzeptiert.

Um nur die neuesten solcher Fälle zu nennen, die innerhalb der Lebensspanne vieler Leser sind, kann man die zwei Kriege gegen den Irak, die Bombardierung Libyens, die Vernichtung der säkularen Regierung Syriens nennen. Der nachdenkliche Leser wird sich an weitere Massaker, Regimewechsel-Projekte und Konflikte erinnern, immer nach vorheriger Dämonisierungskampagne.

Achten Sie darauf, wer dämonisiert wird, und sie wissen, gegen wen demnächst Krieg geführt wird.

Bild: Screenshot aus KNA-Homepage

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3 Kommentare

  1. ibido 17. Januar 2026 um 21:05 Uhr - Antworten

    Auch danke! Dämonisierung und ihre Auswirkungen sind gut beschrieben.

    Eine Ergänzung möchte ich anfügen. Was Sie beschreiben betrifft die für uns überschaubare Geschichte. Von ca. 3100 v. Chr. stammt die erste Dokumentation von Gewalt und Eroberung (Ägypten, Münze anlässlich der Eroberung Oberägyptens).

    Die schriftlichen Zeugnisse der angeführten Religionen stammen alle aus späterer Zeit.

    Die indischen Veden zeichnen jedoch ein anderes Menschen- und Geschichtsbild als das gängige. Sie schreiben von hochentwickelten Zeitaltern (Yugas), wo das Zusammenleben von gegenseitiger Achtung geprägt war. Lügen und damit Dämonisierung war nicht möglich, weil Lügen „gesehen“ werden konnten. Gewalt je nach Yuga mehr oder weniger.

    Heute ist nicht der Höhepunkt der Zivilisation, sondern ein Tiefpunkt. Wir haben zwar einen technologischen Höhepunkt erreicht, aber menschlich sind wir viel tiefer gesunken als die Altvorderen (vor ca. 4 Mill. Jahre ff) waren.

    Da nach den Veden die Zeitalter zyklisch verlaufen und die Raumzeit sich wieder ändern wird, wird es auch wieder aufwärts gehen :-)
    (Bei Interesse siehe Armin Risi)

    • Jochen Mitschka 18. Januar 2026 um 9:15 Uhr - Antworten

      Sie legen den Finger in die Wunde. Es gab in der Zeit vor der üblichen Geschichtsschreibung Gesellschaftsformen, die ganz anders waren, als diejenigen, welche man uns als „Zivilisation“ verkauft. So gab es in den Dschungelgebieten, die heute zu Thailand gehören, viele Dörfer, die sich rund um buddhistische Klöster gebildet hatten, und die in absoluter Solidarität und Kooperation funktionierten. Die weltlichen Führer wurden gewählt, meist aus der Gruppe der Ältesten, und die Äbte der Klöster fungierten bei Uneinigkeit als Richter.

      Eigentum gehörte allen gemeinsam, wurde auch gemeinsam bewirtschaftet. Bildete sich ein Paar und wollte es heiraten, baute die Gesellschaft gemeinsam ein neues Haus für sie. Usw.

      Natürlich war es ein hartes Leben, und viele überlebten es nicht, weil die Gemeinschaft nur beschränkte Möglichkeiten der Gesundheitspflege und im Kampf gegen wilde Tiere und andere Unwirtlichkeiten eines solchen Lebens hatten. Aber natürlich gab es auch innerhalb solcher Gemeinschaften Konflikte. Aber sie waren im Grunde nicht expansiv, tauschten sich mit anderen Gemeinden höchstens aus, um „frisches Blut“ einzuheiraten, oder Spezialfähigkeiten auszutauschen, nicht aber um zu erobern.

      Diese Gesellschaftsform wurde zerstört. Und war dehnten die feudalistisch organisierten Städte ihren Einflussbereich immer weiter aus, und versklavten immer größere Bereiche. Der Rest fiel dem „technischen Fortschritt“ zum Opfer.

  2. Jakob 17. Januar 2026 um 16:48 Uhr - Antworten

    Ein weiterer Artikel für den ich danke sage.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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